Matthias Nowak – Großer Bericht in der Süddeutschen Zeitung

Posted in NEWS / Posted By: Peter Schreiner
02
Feb

Matthias Nowak will, dass Fußballer den Ball vergessen. Darum lässt er sie hüpfen und klatschen. Die Damen des FC Bayern wurden mit seiner Hilfe Meister. Jetzt ist er international gefragt.

Von Philipp Crone

Das, was der Mann auf dem Parkplatz des FC Bayern da gerade vorturnt, soll schwierig sein? Matthias Nowak trägt einen grauen Trainingsanzug, blondes, schulterlanges Haar und macht sich bereit für die Übung. Dann springt er in kurzen Hopsern nach vorne, gleichzeitig boxt er mit den Armen nach oben, mal zur Seite, klatscht über dem Kopf die Hände zusammen oder hinter dem Rücken und ruft dabei „Drei, fünf, vier, sechs“.

Das, was der 51-jährige frühere Techniktrainer des FC Bayern da macht, ist nicht schwierig. Es ist unmöglich.

Im ersten Moment zumindest, wenn einer seiner Spieler aus den Jugendmannschaften an der Säbener Straße oder Spielerinnen von der Frauenmannschaft die Übung versucht. Rechnen und alle vier Gliedmaßen gleichzeitig unterschiedlich bewegen, nach einer bestimmten Vorgabe. In diesem Fall: Jede Armbewegung ergibt beim Zählen plus zwei, jedes Klatschen minus eins, dabei bewegen sich die Beine wie die der Pferde beim Dressurreiten, die Übung heißt Horse Jump.

Und was soll das jetzt für einen Fußballer bringen? Nowak kennt diese Frage nur zu gut. Seine Kunden kennen aber auch die Wirkung seiner Arbeit nur zu gut. Bis November war sein Kunde der FC Bayern, derzeit verhandelt er mit Clubs der Premier League, die ihn engagieren möchten.

Dass er gefragt ist, dieses Gefühl ist für Nowak relativ neu. Ihn begleiteten sein ganzes Berufsleben lang vor allem Skepsis und Ablehnung. Aber er hat auch positive Erfahrungen gemacht, zuletzt vier Jahre bei der Frauenmannschaft des FC Bayern, die Deutscher Meister geworden ist. Der Mann, der ein wenig an Campino von den Toten Hosen erinnert, nur mit blonder Mähne, schaut bei solchen Fragen ein ganz kleines bisschen betroffen.

Schon wieder Zweifel, denkt er sich wohl. Und gleichzeitig lächelt er, denn nach Jahrzehnten als Techniktrainer, mit Erfahrungen aus Brasilien, Workshops auf der ganzen Welt und immer mehr Unterstützung aus der Wissenschaft ist er nun selbstbewusst genug, um zum Beispiel Sätze zu sagen, wie: „Gehirntraining wird sich etablieren.“ Oder auch Kritik an fundamentalen Elementen des Fußballs zu üben: „Fünf gegen zwei ist im Grunde keine sinnvolle Übung.“ Er wird das gleich noch erklären. Man muss mit dem Mann im Trainingsanzug nur ein paar Minuten auf dem Parkplatz stehen, um zu verstehen, wovon er spricht.

Autofahrer dürfen auch nicht überlegen: Jetzt kuppeln oder schalten?

Nowaks Grundidee ist einfach: Der Kopf muss in Sachen Bewegung und Körperkoordination überfordert werden, damit er lernt und die Körperkoordination besser wird. Nowak sagt dazu: „Ich will erreichen, dass bei allem, was man mit dem Ball am Fuß macht, möglichst wenig Lichter im Kopf angehen. Die Hirn-Kapazitäten kann ein Spieler besser verwenden, um richtige Entscheidungen in Spielsituationen zu treffen.“

Je mehr Bewegungen unterbewusst automatisch ablaufen, desto mehr Bewusstsein hat der Sportler zur Verfügung, um richtig zu reagieren. Ein Autofahrer darf in einer brenzligen Situation auf der Straße ja auch nicht bewusst daran denken müssen, ob er erst die Kupplung tritt oder den Schalthebel bewegt. „Messi läuft mit dem Ball am Fuß so, als hätte er keinen Ball am Fuß.“ Also muss das Bewegungsgehirn trainiert werden, wie ein Muskel beim Krafttraining, bis an den Rand der Überforderung. Nur dann wächst der Muskel. Oder wie es der frühere Dortmunder Trainer Thomas Tuchel formuliert hat: „Eine Übung muss Stress erzeugen.“

Deshalb ist ein Fünf-gegen-zwei auch nicht sinnvoll, sagt Nowak. Wenn es für den Spieler etwas bringen soll, müsste man die Übung erschweren. „Zum Beispiel kann man eine Zusatzregel aufstellen: Der Ball darf bei diesem Ein-Kontakt-Spiel immer nur in der Reihenfolge rechts, rechts, links gespielt werden.“ Der erste Spieler kickt mit rechts, der zweite auch, der dritte muss den Ball mit links weiterspielen. Alle müssen pausenlos mitdenken, bewusst ihre Position zum Ball immer wieder korrigieren, und dabei zählen. Ihr Kopf wird gefordert, überfordert. Nowak kennt diese Momente von seinen Sportlern – wenn sie überfordert sind, dann einen Ehrgeiz entwickeln. Und nach einer Zeit mit den Übungen, die immer schwieriger werden, weil immer mehr Regeln dazu kommen, merken sie im Spiel, wie sie besser spielen. Wie besser? Gleich. Der Reihe nach, sagt Nowak. Auch das ist eine wichtige Regel beim Gehirn- und Techniktraining.

Nowak hat zum November seinen Vertrag beim FC Bayern aufgelöst, weil er es jetzt im Männerprofifußball wissen will, derzeit laufen Gespräche mit englischen Vereinen. Jeder Club sucht Ressourcen und Bereiche, mit und in denen die Spieler noch besser werden können. Nowak hat klare Vorstellungen, wie sich der Fußball entwickelt hat, und vergleicht ihn gerne auch mit anderen Sportarten wie etwa Basketball. Fußball kommt da oft nicht so gut weg – obwohl er ihn so liebt.

Nowak stammt aus Hagen in Nordrhein-Westfalen. Als Kind hat er nichts anderes gemacht, als Fußball zu spielen. „Ich war der Einzige in meiner Klasse, der im Trainingsanzug und mit Ball unter dem Arm in die Schule kam.“ Er war gut, sechs Stunden pro Tag auf dem Bolzplatz, auf der Straße, wurde Jugendbundesligaspieler, Rechtsaußen, kickte mit dem heutigen Trainer Michael Skibbe oder Olaf Thon. „Damals war das ein anderer Sport, ich hatte rechts außen jede Menge Zeit und Raum.“ Nowak kickte und kickte, jeden Tag, meist auf Beton. Mit 16 rutschte er in einem Training beim SSV Hagen aus, es wirkte harmlos, aber es war das Ende seiner Karriere, in den Sprunggelenken hatte Nowak schon keinen Knorpel mehr. Ein Schock.

Früher waren die Deutschen noch physisch überlegen

Nowak begann eine Bank-Ausbildung, arbeitete bei der Sparkasse, der Fußball war eine Zeit lang weit weg, kam erst zurück, als Nowak weit weg ging, zu einer Gastfamilie in den USA, dort war der Vater Fußballtrainer und stand mit einem Lehrbuch auf dem Platz. Das konnte sich Nowak nicht ansehen, er übernahm das Training und merkte: Training taugt mir. Und dann lernte er, dass es bei den US-Sportarten wie etwa beim Basketball Spezial-Trainer gibt. Das war es. Das wollte er werden, Spezial-Coach im Fußball. Also musste er sich ausbilden lassen. 1993, Nowak war 27, bewarb er sich für eine Hospitanz in Brasilien, „da ging das noch einfach, da waren die Brasilianer fast gönnerhaft gegenüber mir als Deutschem“.

Nowak sieht die Entwicklung des Fußballs so: Damals waren die Deutschen gut, weil sie physisch oft überlegen waren, dann kam eine gute Ausbildung dazu, heute allerdings steht der Fußball allgemein vor dem Problem: „Die Top-50-Nationen sind mittlerweile alle perfekt geschult beim Spiel gegen den Ball im letzten Drittel des Spielfelds.“ Derzeit sei in der Fußball-Evolution die Phase der Analyse, mit immer besseren Techniken werde alles ausgewertet, die Laufwege aufgezeichnet, individuelle Videos würden angefertigt.

„Irgendwann braucht man dann aber wieder Spieler, die es trotz guter Defensivtaktiken schaffen, Lösungen vor dem Strafraum zu finden.“ Er meint: Spieler, die genug Lichter im Kopf frei haben, um unter Druck kreativ zu sein am Ball, Spieler, die ihr Gehirn gut trainiert haben. Spieler, die sich optimal zum Ball bewegen, weil im Spiel in Drucksituationen jede zusätzliche Bewegung zu Zeit- und dann zum Ballverlust führen kann. Etwa, wenn ein Mittelfeldspieler noch einen zusätzlichen Schritt beim Aufdrehen machen muss. Oder Spieler, die eine gute Inhibitionsfähigkeit haben.

„Ein Spieler hat den Ball, sieht ein freies Passfenster zum Mitspieler und will den Ball spielen. Plötzlich nähert sich ein gegnerischer Spieler, um den Pass zu unterbinden. Jetzt müsste der Spieler innehalten und den Prozess des Passens stoppen.“ Dann aber spielten die Spieler den Pass trotzdem oft noch, aber „etwas härter zum Beispiel“. Spieler mögen es nicht, „viel Energie aufzubringen und dann nichts davon zu haben“. Und sie sind oft gar nicht mehr in der Lage, ihre Entscheidung zurückzunehmen. Weil sie nicht mehr genug geistige Kapazitäten frei haben, wenn sie mit dem Ball und der Bewegung beschäftigt sind. „Bei Xavi und Iniesta hat man in Tests gesehen, dass sie eine sehr gute Inhibitionsfähigkeit haben“, sagt Nowak.

Spieler können, wenn die Ballbehandlung automatisiert ist, ihre Aufmerksamkeit im Spiel noch mehr auf die Bewegungen der Mitspieler konzentrieren. „Der Moment, kurz bevor der Stürmer in den Raum startet, den kann man vorausahnen anhand von Bewegungsknotenpunkten einer typischen Bewegung des Stürmers.“ Der gute Spieler sieht, dass der Stürmer gleich startet und setzt das vielleicht in einen Pass um – oder eben auch nicht. Er entscheidet mehr als dass er reagiert, was Spielern meist passiert, wenn sie nicht gut orientiert sind, weil sie sich zu sehr auf den Ball fokussieren müssen. Die Frage, ob ein Spieler kreativ ist, muss eigentlich immer lauten: Ist er unter Druck kreativ? Der frühere DFB-Direktor Hansi Flick bemängelte gerade erst in einem Interview über die Ausbildung in Deutschland die fehlenden Fähigkeiten von Fußballern unter Druck.

Der FC Bayern gab ihm eine Chance

Damals in Brasilien, da sah der junge Nowak völlig neue Trainingsmethoden beim Zweitligisten Fortaleza. Trainiert wurde mit Musik, im Rhythmus, es wurde am Ball geklatscht, die Spieler waren permanent gefordert. Noch heute macht Nowak mit seinen Spielern die Übung „Balltänzer“, die er dort lernte. „Das alles hat in Deutschland damals aber niemanden interessiert.“ Erst mit der Ära Klinsmann zog etwas mehr Neugierde auf Neues in der Ausbildung in den Fußball ein, sagt der Coach.

Nowak hielt einige Zeit nach seinem Besuch in Brasilien einen Vortrag in Deutschland am Institut für Jugendfußball. In der Pause gingen die meisten, ein Tiefpunkt. Zu der Zeit war er hauptberuflich als Banker bei der Credit Suisse, bis die 2001 ihr Deutschlandgeschäft einstellte und er arbeitslos wurde. Er arbeitete bei den Frauen der SG Wattenscheid 09, kam dann über ein Seminar in Bad Aibling nach Bayern. Man stellte ihn in dort als Parkwächter an, nebenbei schulte er die örtlichen Spieler und versuchte es beim FC Bayern. Er bot an, ein halbes Jahr im weiblichen Jugendbereich jede Woche 45 Minuten Training zu geben. „Die haben mir die Chance gegeben.“ Im Laufe der Jahre trainierte er immer mehr Teams, die Profimannschaft der Frauen, unter Trainer Thomas Wörle, früher selbst Spieler. „Zu dessen Zeit wäre das niemals gegangen“, sagt Nowak, „da hätten die mich vom Hof gejagt.“ Aber die Zeiten sind andere, Wörle unterstützte ihn, Nowak trainierte bald auch die U 9, U 13, U 15 und U 19 im männlichen Bereich.

Heute haben englische Clubs Interesse an seiner Arbeit, auch zwei Bundesligavereine, Nowak hat ein Buch veröffentlicht, gibt Einzeltraining für Talente, als nächstes geht es dafür nach Malaysia. „Ich will es jetzt noch einmal wissen, so lange kann ich in dem Bereich ja nicht mehr arbeiten, weil ich irgendwann die ganzen Übungen nicht mehr vorturnen kann.“ Das ist noch immer wichtig. Die Spieler wollen überzeugt werden, dann erst beginnen sie, sich selbst zu motivieren. „Die Spieler sind hungrig und sie merken, dass sie bei dem Training immer seltener überreagieren im Spiel.“

Rechnen und Bewegen – trainiert wird alles auf einmal

Zunächst wird ein Spieler unter Druck cooler, danach im nächsten Schritt sucht er die Drucksituationen. „Der muss seiner Intuition trauen können. Intuitiv handeln statt denken.“ Intuition ist das automatische Ballbehandeln und Bewegen und das Erkennen von Spielsituationen, weil der Kopf dafür frei ist. Und das alles trainiert Nowak durch einfache Rechenübungen und Bewegungen, nur eben immer alles auf einmal, gleichzeitig. Alles gleichzeitig zu lösen ist die Voraussetzung dafür, es im Spiel dann in ganz kurzen zeitlichen Abständen nacheinander zu schaffen.

Beim Golf sind die Sportler begeistert von seinem Training, sagt Nowak. Und es ist ja nicht so, dass er das erfunden hätte. In anderen Sportarten werden seit Längerem Gehirnjogging-Aufgaben eingebaut.

Nowak hüpft noch einmal über den Parkplatz, „drei vier zwei“. Er sagt: „Ich mache keine besseren Fußballer aus den Spielern, ich mache sie nur flexibler.“ Er lächelt, ein bisschen zurückhaltend wie sonst auch, aber auch ein bisschen schelmisch. Er weiß: Natürlich macht er die Spieler besser, aber das sagt er lieber nicht. Intuition.




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